Täterforschung nach Auschwitz

John M. Steiners Untersuchungen
(1962 bis 2014)
Kann Wissen allein die Wiederholung verhindern?

e-book (open access) zum Download PsychArchives

„…wie können Menschen so werden, dass sie so etwas tun können?“
„Je mehr ich verstehe, desto weniger muss ich hassen.“


„Nur Erinnerung und Erziehung können neuen Furchtbarkeiten
und Genoziden vorbeugen.“


Nachlass eines Auschwitz-Überlebenden
herausgegeben von
Jochen und Anne Fahrenberg
Freiburg i. Br. 2021
(Dokumentation siehe FreiDok und PsychArchives)

Zusammenfassung


Das Buch ist der Biographie und dem wissenschaftlichen Nachlass von John Michael Steiner gewidmet – einem tschechisch-
amerikanischen Soziologen, geboren 1925 in Prag, verstorben 2014 im kalifornischen Novato. Er hat Auschwitz
und andere Konzentrationslager überlebt und ist einer der wenigen Verfolgten, die sich später in der wissenschaftlichen
Täterforschung engagierten. Nach dem Krieg musste er wegen der Machtübernahme der KP aus Prag fliehen, zunächst
nach Australien, dann in die USA. Er kam 1962 nach Deutschland und konnte seine Forschung auch nach seiner Promotion
an der Universität Freiburg i.Br. fortsetzen, unterstützt durch Stipendien der Alexander von Humboldt Foundation
und der Fulbright Commission. – Einzigartig ist seine vergleichende Untersuchung (1962 bis 1966) zwischen ehemaligen
Angehörigen der Waffen-SS und SS und ehemaligen Angehörigen der Wehrmacht mit dem 1970 publizierten Ergebnis
einer weiterbestehenden, relativ stärkeren autoritären Einstellung der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS und SS.
Weitaus wichtiger waren ihm Lebensläufe und Sozialverhalten typischer SS-Männer. Aus verschiedenen Gründen kam
es nicht zu einer Publikation der für ihn verfassten Lebensläufe. Hier ragen 10 Lebensläufe hervor: Vier Verfasser waren
zu lebenslänglicher Haft verurteilt wegen ihrer vielfachen Morde in den Lagern Auschwitz, Buchenwald oder Sobibor,
sechs waren Offiziere der Waffen-SS, darunter ein Adjutant Himmlers und ein Adjutant Hitlers. Diese Lebensläufe werden
hier erstmals publiziert (dazu zwei transkribierte Interviews).
Im Kapitel 1 wird Steiners Biographie geschildert, seine wissenschaftlichen Arbeiten und sein öffentliches Engagement.
Dieses Kapitel enthält auch seine Aufsätze über das Fragmentierte Gewissen und über Role margin, d.h. den individuellen,
von sozialer und von moralischer Intelligenz abhängigen Ermessenspielraum eines SS-Mannes im Lagerkommando, außerdem
seinen Briefwechsel mit Erich Fromm über die Interpretation der Lebensläufen von SS-Angehörigen. Übersetzt
wurden Steiners drei eindringliche Erfahrungsberichte: KZ-Arbeitseinsatz Blechhammer, Todesmarsch nach Reichenbach,
Im Viehwagen nach Dachau.
Im Kapitel 2 Grundlegende Studien zur Autoritären Persönlichkeit: Konzeptionen und Forschungsergebnisse wird ein
Bezugsrahmen für die folgenden Interpretationen entwickelt. Dazu gehört eine Übersicht über zwei Meilenstein-Studien
zur Autoritäten Persönlichkeit: (1) Erich Fromm und Mitarbeiter (1936, 1980), deren Publikation von Max Horkheimer
untersagt wurde, und (2) Adorno, Frenkel-Brunswik, Levinson und Sanford (1950). Der ausführliche Kommentar zur
neueren Forschung auf diesem Gebiet bezieht sich einerseits auf die „Autoritäre Persönlichkeit“ als multimethodisch und
prozessanalytisch zu erfassender Persönlichkeitstypus versus „Autoritarismus“ als Einstellung, gewöhnlich nur als Selbstbeurteilung
ohne Verhaltensdaten erfasst. – Wichtige Arbeiten der Täterforschung werden dargestellt, u.a. die herausragende
Forschung von Henry Dicks (1950, 1972). Weitere Themen sind: das geringe Interesse deutscher Psychologen an
der Täterforschung, die sog. neue Täterforschung deutscher Historiker und der gravierende Mangel an Interdisziplinarität.
Im Kapitel 3 Täterforschung: Steiners Konzepte und Methoden wird die Fragebogenstudie dargestellt und ausführlich
über die zehn Lebensläufe berichtet. Sie werden psychologisch interpretiert, u.a. hinsichtlich Fromms Konzeption der
Autoritären Persönlichkeit und Steiners Fragen nach Fragmentierung des Gewissens und Entscheidungsspielraum. Diese
Leitkonzepte sind zweifellos als Heuristiken geeignet, doch mangelt es oft an hinreichend detaillierter Lebenslauf-Information,
um die situative Auslösung von latenter Gewalttätigkeit und von sadistischen Handlungen adäquat erfassen zu
können. Die mit Absicht erst nachträglich recherchierten, sekundären Informationen sind als Korrektiv des Gesamtbildes
wichtig, können jedoch eine systematische Exploration der psychosozialen Prozesse nicht ersetzen.
Im Kapitel 4 Täterforschung und Erziehungsreform wird Steiners Forderung nach einer fundamentalen Erziehungsreform
im Kontext anderer Reformideen geschildert: u.a. Neills‘ Summerhill, Entnazifizierungsprogramme (Re-education); Aussteiger-
Programme für Angehörige extremistischer Gruppen. – „Erziehung nach Ausschwitz“ fand jedoch kaum statt. Es
mangelt weithin an einem Ethik-Unterricht für Alle und auf allen Schulstufen. Erst während der letzten Jahre gibt es in
Deutschland mehr Initiativen zur Reform des Ethik-Unterrichts, beispielsweise durch Projekte der Bertelsmann-Stiftung,
durch neue pädagogische Initiativen und Schulbücher mit vielen Anregungen, nicht nur das Wissen über Ethik zu lehren,
sondern Kompetenzen wie Perspektivenwechsel und Einfühlung auch praktisch zu üben.
Das Kapitel 5 fasst die wichtigsten Perspektiven zusammen und zitiert Steiners Fragen und Thesen (wie sie als Untertitel
dieses Buches gewählt wurden: „ …wie können Menschen so werden, dass sie so etwas tun können?“ – „Je mehr ich
verstehe, desto weniger muss ich hassen.“ – „Nur Erinnerung und Erziehung können neuen Furchtbarkeiten und Genoziden
vorbeugen.“
Der Anhang enthält außer den Kopien der Lebensläufe u.a. Steiner Publikationsliste, seine an der Sonoma State University
inzwischen gelöschte Homepage und sein Engagement in den Medien. So war er an der vierteiligen Reportage (SPIEGELTV,
2009, und ZDF) Gesichter des Bösen als direkter Zeitzeuge und als wissenschaftlicher Kommentator beteiligt.


Abstract


The book is dedicated to the biography and academic bequest of John Michael Steiner – a Czech American sociologist
born in Prague in 1925, died in Novato, California, in 2014. He survived Auschwitz and other concentration camps and
is one of the few persecuted people who later became involved in scientific research into perpetrators. After the war he
had to flee Prague because of the seizure of power by the Communist Party, first to Australia, then to the USA. He came
to Germany in 1962 and was able to continue his research after his doctorate at the University of Freiburg i. Br, supported
by fellowships from the Alexander von Humboldt-Foundation and as a Senior Fulbright-Professor. His comparative study
(1962 to 1966) of former members of the Waffen-SS and SS and former members of the Wehrmacht is unique. The
results, indicating a persisting authoritarian attitude, remarkably higher in former members of Waffen-SS and SS, were
published in 1970. Far more important to him were the CVs and social behavior of typical SS-men. For various reasons,
the CVs were not published. Ten of these CV written for him stand out here: four authors were sentenced to life imprisonment
for their multiple murders in the Auschwitz, Buchenwald or Sobibor camps; six were officers of the Waffen-SS,
including an adjutant of Himmler and an adjutant of Hitler. These CVs are published here for the first time (plus two
transcribed interviews).
Chapter 1 describes Steiner’s biography, his scientific work, and his public commitment. This chapter also contains his
essays on the Fragmentation of Conscience and on Role Margin, i.e., the individual discretion of an SS man’s action,
dependent on social and moral intelligence, and, Steiner’s correspondence with Erich Fromm on the interpretation of the
biographies of SS-men. Three reports of Steiner’s extreme experience were translated: Slave Laborer at the Blechhammer
(Ehrenforst) Synfuel Plant; On a Death March from Blechhammer to Reichenbach; In a Cattle Wagon to Dachau.
Chapter 2 Basic Studies on Authoritarian Personality: Concepts and Research Results develop a frame of reference for
the following interpretations. This includes an overview of two mile-stone studies on the Authoritarian personality:(1)
Erich Fromm and co-workers (1936, 1980, initial publication prohibited by Max Horkheimer), and (2) Adorno, Frenkel-
Brunswik, Levenson and Sanford (1950). The detailed commentary on recent research in this field refers on the one hand
to the “authoritarian personality” as a personality type suggesting a multimethod assessment of motivation and action,
versus “authoritarianism” as a social attitude, usually a self-assessment, i.e., a questionnaire without behavioral data.
Important work of perpetrator research is presented, e.g., the outstanding research by Henry Dicks (1950, 1972). Other
topics are: the low interest of German psychologists in perpetrator research, the so-called new perpetrator research by
German historians, and the serious lack of interdisciplinarity.
In Chapter 3 Perpetrator Research: Steiner’s Concepts and Methods, the questionnaire study is presented, and the ten CVs
are reported in detail. The psychological interpretation is primarily based on Fromm’s conception of the authoritarian
personality and Steiner’s questions about fragmentation of conscience and role margin. These guiding concepts are undoubtedly
suitable as heuristics, but there is often a lack of sufficiently detailed CV information to adequately capture the
situational triggering of latent violence and sadistic actions. Secondary information, obtained after interpretation, is essential
as a corrective to the overall picture, but cannot replace a systematic exploration of psychosocial processes.
In Chapter 4 Perpetrator Research and Educational Reform, Steiner’s demand for a fundamental education reform is discussed
in the context of, among others, Neill’s Summerhill, De-nazification programs (re-education); Drop-out programs
for members of extremist groups. However, “Education after Auschwitz” hardly ever took place. There is a widespread
lack of ethics teaching for all, and at all school levels in Germany. Only in recent years have there been more initiatives
in Germany to renewing ethics teaching, for example, projects by the Bertelsmann Foundation, new pedagogical initiatives,
and textbooks with many suggestions not only to teach knowledge about ethics, but also to practice skills, such as a
change of perspective, and empathy.
Chapter 5 summarizes the essential perspectives, and quotes Steiner’s questions and principles (chosen as subtitles of the
present book): “How can people become such that they can do something like this?”; “The more I understand, the less I
have to hate”; “Only memory and education can prevent new dreadfulness and genocide”.
Appendix: In addition to copies of the original CVs, it contains Steiner’s list of publications; his homepage, which has
since been deleted at Sonoma State University; and his media appearances., e.g., in the four-part Reportage Faces of Evil
(SPIEGEL-TV 2009, and ZDF) as a direct contemporary witness, and as an expert in perpetrator research.